Das Bruttosozialglück

 

Auszüge aus dem Bildband BHUTAN, Verlag EDITION PANORAMA, von Harald N. Nestroy

 

"Brutto-Sozial-Glück" vorrangig vor "Brutto-Sozial-Produkt"

Die Vorstellungen Bhutans für die Entwicklung des Landes und seines Volkes sind ohnegleichen. Ihr vorrangiges Ziel ist die Maximierung des „Brutto-Sozial-Glückes“ im Gegensatz zum „Brutto-Sozial-Produkt“. Diese revolutionäre Zielsetzung wurde in den achtziger Jahren von König Jigme Singye Wangchuck ins Leben gerufen. Diese revolutionäre Idee entwickelte sich zu dem herausragenden Modell für die Formulierung des grundlegenden Zweckes der Entwicklung des Landes: es fordert den Vorrang der Maximierung des des Glückes der Bhutanischen Bürger vor dem Ziel der Maximierung des wirtschaftlichen Wachstums als solchem. Kurz gesagt, das international angebetete Idol eines ständigen Wachstums des Brutto-Sozial-Produkts als wichtigstes Rezept für die Entwicklung eines Landes wird auf die Ebene eines – wenn auch wichtigen - Instruments herabgestuft; als wesentliches Ziel an sich wird es abgelehnt.

Die Konzeption des „Brutto-Sozial-Glücks“ stellt das Individuum in den Mittelpunkt der Entwicklungspolitik; indem es nämlich anerkennt, dass das Individuum nicht nur materielle, sondern ebenso bzw. weitaus wichtigere spirituelle und seelische Bedürfnisse hat. Deshalb darf Entwicklung nicht allein oder hauptsächlich am Wachstum des Konsums von Waren und Dienstleistungen gemessen werden.

Der Schlüssel für das Glück des Bürgers sei – nach Abdeckung der unentbehrlichen materiellen Bedürfnisse - primär in der Befriedigung der nicht-materiellen Bedürfnisse und im spirituellen Wachstum zu suchen. Das bhutanische Konzept lehnt die allenthalben vertretene Meinung ab, dass es eine direkte und unzweideutige Beziehung zwischen materiellem Wohlstand und persönlichem Glück gäbe. Wäre dem so, wären die Bürger der reichsten Länder auch die glücklichsten Menschen; das dies nicht der Fall ist, ist nur all offensichtlich. Der zutiefst in der traditionellen bhutanischen Gesellschaft verwurzelte gemeinsame Nenner ist die buddhistische Ethik, Moral und Kosmologie; ganz offensichtlich bilden sie die Bühne für die Idee des „Brutto-Sozial-Glücks“ als Modell für die Hilfe der Gesellschaft bzw. des Staates für die individuellen Bürger, ihr persönliches Glück über Harmonisierung von Spiritualität und der materiellen Aspekte des Lebens zu finden. Diese wegweisende bhutanische Konzeption hat bereits internationales  Interesse und Anerkennung gefunden. Internationale  Konferenzen haben sich bereits diesem faszinierendem Ansatz gewidmet.

Man kann Bhutan – das nie Kolonie einer fremden Macht war - nur Erfolg wünschen bei seinen unermüdlichen Bemühungen, seine kulturelle Identität zu bewahren, sich seinen sozialen Herausforderungen zu stellen und seine politische Unabhängigkeit zu erhalten. Die Hingabe, mit der sich der König und die bhutanische Regierung der Verbesserung der Lebensverhältnisse der Nation und der Bildung der bhutanischen Jugend widmen, sowie die bewundernswerte Geschicklichkeit, die die bhutanische Diplomatie im Laufe der letzten 100 Jahre bewiesen hat, erlauben, auf eine gute Zukunft für dieses einmalige buddhistische Land im Himalaja zu hoffen.

 

Sehen Sie hier noch einen Vortrag über das Bruttosozialglück von Herrn Prof. Dr. Meyer-Galow: